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Herr Dieter Jung, geboren in Holzhausen, lebt seit 1961 in Greifenthal.

Er ist seinem Heimatort Holzhausen sehr verbunden und sammelt Sagen aus unserer Gegend. Das Ergebnis seiner Arbeit wurde im Heimatbuch von Greifenthal, „Greifenthaler Geschichten“, 2004 erstmals veröffentlicht.

Die Geschichten, die zwischen Ulmtal und „Hoher Straße“ spielen, wollen wir hier nach und nach vorstellen.

Heute lesen Sie:

Das Schnieperweibchen

Tief im Wald, zwischen Spionskopf und Bremerberg an der „Hohen Straße“ wohnte vor langer Zeit das Schnieperweibchen in einem Brunnen.

Es war zwar nicht bösartig, doch spielte es den Menschen, die sich in seinem Distrikt aufhielten oder den Wanderern die vorbeikamen, so manchen Streich.

Eines Tages ging Oma Wilhelmine mit drei anderen Holzhäuser Frauen in den Wald

„Am Jagdhaus“, um Gras für die Fütterung der Kühe zu holen.

Dies war notwendig, denn das Gras der eigenen wenigen Wiesen benötigten die kleinen Bauern für die Winterfütterung. Das wurde zu Heu gemacht. Im Sommer mähten die Bauern die Feldwege und Raine und holten Gras aus dem Wald.

„Am Jagdhaus“ angekommen sichelten die Frauen Gras ab. Dann  rechten sie es zusammen und jede schichtete es auf eine Decke, „Grasschürze“, genannt. Anschließend banden sie die vier Ecken der Decken oben zusammen. Sie hoben die prallgefüllten Grasschürzen auf den Kopf und trugen die Last über Kilometer nach Hause.

An diesem Abend war es spät geworden und die Dunkelheit brach schon früh herein. Als Oma Wilhelmine nach Hause kam, stand der Opa schon in der Stalltür und wartete auf sie und natürlich auch auf das Futter für die Kühe. „Wo bleibst du? Es ist spät geworden und das Vieh brüllt schon.“ Da antwortete Wilhelmine: „Heute war die Last besonders schwer. Ich glaube, das Schnieperweibchen ist mir auf meinen Buckel gesprungen und hat sich bis zur „Ruh-Eck“ tragen lassen.“

Holzhausen   mdl.

-

Welche geschichtlichen Begebenheiten stecken nun in dieser Sage?

Natürlich gibt es den Brunnen heute noch. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen diente das Wasser, das an den Wurzeln einer großen Eiche sprudelt, im Winter den Holzfällern zum Kaffee kochen. Heute ist an dieser Stelle eine große Wildschweinsuhle.

Das Gewicht des Schnieperweibchens entstand natürlich einmal aus dem tatsächlichen Gewicht der Graslast.

Aber schwerer wog die seelische Belastung der abergläubischen Frauen.

Denn der Förster duldete zwar das Grasholen im Wald. Aber es durfte nicht mit der Sichel geschnitten, sondern es sollte mit den Händen gerissen werden, damit die jungen Sprösslinge am Waldboden nicht abgesichelt würden. Oft ließ er die Frauen die Last absetzen und kontrollierte dann, ob in den Grashaufen nicht doch eine Sichel verbotenerweise verborgen war.

Und diese Belastung war die weit schwerere Last für die Bauersfrauen auf ihrem Heimweg, die dann, wenn sie bei der Ruh-Eck aus dem Wald traten und sich ausruhten, von ihnen abfiel.

 

 

                                                                                                            D.J.

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