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Das Typhusbrückelche

Das Typhusbrückelche

Gefunden und aufgeschrieben von Heinrich Jung, bearbeitet und veröffentlicht von Joachim Kohl

Im Sommer des Jahres 1905 war in Holzhausen eine Typhusepidemie ausgebrochen.

Die ersten Fälle zeigten sich bei den Gebrüdern Jakob und Wilhelm Rupp im zweitletzten Haus im Spess. Die sogleich eingeleiteten Isolierungsmaßnahmen hatten jedoch nicht den gewünschten Erfolg, den es wurde in der Folgezeit noch mehrere Personen in der Nachbarschaft von dieser schrecklichen Krankheit befallen.  Daraufhin griff das Gesundheitsamt zu einer drastischen Maßnahme. Der gesamte Spess wurde von dem übrigen Dorf isoliert. Die Pflege der Kranken übernahmen zwei Schwestern die zu diesem Zwecke nach hier geholt wurden. Mit allen Mitteln versuchte man den Krankheitsherd zu entdecken. Da es noch keine zentrale Wasserversorgung gab, lag die Vermutung nahe, dass die Brunnen verseucht wären. Deshalb wurden alle Brunnen der isolierten Straße geschlossen und versiegelt. Nur das Wasser das auf der gegenüberliegenden Seite des Ulmbachs liegenden Brunnen wurde für Keimfrei befunden und den Bewohnern des Spess zum Gebrauch zugewiesen. Um dorthin zu gelangen, hatten sie allerdings den weiten Umweg über die Brücke beim Backhaus machen müssen. Deshalb wurde aus einigen Stangen zunächst ein behelfsmäßiger Steg errichtet, der es den Leuten gestattete, auf kürzestem Wege zu diesem Brunnen zu gelangen. Als die Epidemie erloschen war, die gottlob keine Menschenleben forderte, hatte man sich so an diese Brücke und das gute Wasser des Brunnens gewöhnt, dass man den Steg zu erhalten wünschte. Aber schon das nächste Hochwasser nahm ihn mit. Er wurde daraufhin fester und neuer aus Holz wieder errichtet. Noch mehrere Male soll es so ergangen sein, bis man sich nach dem zweiten Weltkrieg entschloss, sie auf soliden Fundamenten und aus Stahl und Beton zu errichten.

Seither trotzt sie dem an dieser Stelle sehr reisenden Ulmbach. Noch immer heißt er im Volksmund: „Das Typhusbrückelche“  Der Typhusbrunnen gibt schon lange kein Wasser mehr. Die Pumpe mit ihrem zerbrochenen Schwengel steht einsam auf der Wiese und wartet auf den Tag, bis sie ein Eisenhändler auf seinen Wagen werfen und einer neuen Bestimmung zuführen wird.

Diese kleine Begebenheit wurde mir von einer noch lebenden Zeugin der damaligen Epidemie berichtet und da es sich in der genannten Person um ihre Mutter handelt, muss die Geschichte als wahr gelten.

Wie in dem Hauptteil ausgeführt, war die Gesundheitsbehörde eifrig auf der Suche nach dem Bazillenträger. Die Brunnen waren bereits versiegelt als man eines Tages die Lisbeth, wie sie hier genannt werden soll, aufforderte, sich einmal aufs Töpfchen zu setzen und das Ergebnis dieser Tätigkeit den Herrn Doktoren zu übergeben. Der Lisbeth war dieses Ansinnen so ungeheuerlich, dass sie sich anfangs strikt weigerte ihm nachzukommen. Trotzdem siegte schließlich die Angst vor den hohen Herren über ihre Genierlichkeit und sie tat das, was sie im ersten Teil seit den Tagen ihrer Kindheit und im zweiten Teil überhaupt noch nicht getan hatte. In den folgenden Tagen und Nächten überlegte Lisbeth immer wieder, was man wohl damit anfangen würde. Schließlich wurde sie von ihrer ungeheuren inneren Spannung durch die Mitteilung erlöst „dass  sie Bazillenträgerin sei. Man habe bei .der Untersuchung des Kotes Bazillen gefunden'' Da war mit einem Male alle Angst und Scheu von Lisbeth gewichen und mit lauter Stimme und in unverfälschter Mundart donnerte sie den verdutzten Herrn Doktor an: „Ei, wann aich doas gewest het, doan hör aich uch ebbes geschesse, däs aich uch ens Dippche geschesse het“

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