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Der erste Strom in Holzhausen

Bericht von Alfred Hardt

Nach dem Einschalten meines PCs erhalte ich im Outlook die Nachricht, dass drei Verzeichnisse unsers Servers über Nacht erfolgreich gesichert wurden. Die verschiedenen Dateien werden auf einem Server irgendwo in Deutschland aufbewahrt.

Das Telefon klingelt und gleichzeitig geht auf meinem Bildschirm ein Fenster auf in dem ich sehen kann, wer anruft. Es ist ein Ingenieurbüro das nachfragt, ob wir die Zeichnungsdatei in DWG- oder DXF-Format benötigen. Der Grundriss mit allen Maßen ist in wenigen Sekunden eingelesen und die dreidimensionalen Symbole können eingefügt werden. Im Flur läuft das Faxgerät an und 12 Seiten einer Preisanfrage werden ausgedruckt. Mein Handy klingelt, unser Monteur hat Schwierigkeiten mit einem Lichtleiterkabel an einer vollautomatischen Spülmaschine. Nach Rücksprache über die Hotline mit dem Hersteller kann der Fehler schnell gefunden werden. Ein wichtiger Kunde ruft an und benötigt dringend einen Monteur. Auf Knopfdruck kann ich auf meinem PC die Fahrzeugnavigation einschalten und in Echtzeit sehen wo sich meine Fahrzeuge in diesem Moment befinden. Alle Fahrzeuge werden mir auf einer Landkarte angezeigt und das nächstgelegene Fahrzeug kann über SMS umgeleitet werden. Gerade als ich meinem Steuerberater die Daten aus der Buchhaltung per Mail übermitteln will, fällt plötzlich der Strom aus und der Bildschirm an meinem PC geht aus. Keine Panik, ich weiß, dass unsere drei Server über eine USV noch solange mit Spannung versorgt werden, bis sie sich von selbst ohne Datenverlust herunterfahren. Jetzt sitze ich hier im Dunklen ohne Licht, Telefon und Computer. Wo um alles im Himmel finde ich eine Kerze? Ich lehne mich zurück und der Gedanke, "wie war das eigentlich früher, ohne Strom", geht mir durch den Kopf. Im Zeitalter der Computer, Handys und Navigation fällt es uns schwer sich an die Zeit ohne Flachbettscanner, iPhone und Internet zu erinnern.

Meine Erinnerungen gehen in meine Jugendzeit zurück als ich 5 oder 6 Jahre alt war. In unserer Nachbarschaft gab es zu dieser Zeit ein Telefon. Dieses besaß der Lebensmittel- und Baustoffhandel Helmut Droß. Zu Kaufmanns Helmut ging jeder der einmal telefonieren musste. Aber wen sollte man denn anrufen? Keiner unserer Verwanden hatte ein Telefon. An Telefaxgeräte dachte noch niemand und Fernseher gab es auch noch nicht. Ich beschloss Erkundigungen einzuholen, wann der Strom nach Holzhausen kam.

Doch zuerst einige Fakten:

  • 1866 – erfand Werner von Siemens die Dynamomaschine und den Gleichstrommotor
  • 1881 – fuhr die erste elektrische Straßenbahn in Berlin
  • 1884 – erfand T.A. Edison die Kohlefaden Glühbirne, sie konnte max. 150 V Gleichspannung aushalten und hatte eine geringe Lebensdauer.
  • 1907 – erfand Osram die erste Metallfadenlampe
  • 1907 – waren die ersten für Handwerker und Bauern bezahlbaren Elektromotoren im Handel. Etwa zur gleichen Zeit gab es auch die ersten bezahlbaren Benzinmotoren.

Die Arbeiten am Stromnetz müssen im Dorf eine außergewöhnliche Unruhe verursacht haben. Viele Einwohner erlebten zum ersten Mal, wie hölzerne Strommasten gesetzt und Freileitungen gelegt wurden. In das Transformatorenhaus kam ein noch nie gesehener Apparat - der Trafo. Er hatte eine Leistung von ca. 50 KVA. Die Hausdächer erhielten Ständerrohre mit Porzellaneinführungen und -isolatoren. Die Stromleitungen bestanden aus blankem Kupfer oder verzinntem Eisendraht und wurden von Haus zu Haus verlegt. Das in den Häusern verwendete Kabel (NYRUZY) bestand aus Kupfer oder Aluminiumdrähten, die mit Stoff isoliert waren. Die Umhüllung des Kabels war aus einer festen Aluminiumschicht, einzelne Adern wurden aber auch in Eisenrohren verlegt.

Wahrscheinlich trug die enorme Ölknappheit im ersten Weltkrieg (1914 - 1918) dazu bei, dass die neuartige Erfindung, der Generator, durch die Wasserräder der Mühlen- und Dampfmaschinenbesitzer schnell zum Einsatz kam.

Das elektrische Licht erreichte 1922 Holzhausen.

Sicherlich war der damalige Bürgermeister (Scholz) oder (Vorsteher) Heinrich Dross (Germanns Heinrich) daran maßgeblich beteiligt.Der erste uns bekannte Dorfelektriker war Heinrich Leidolf (Schmidtkolles Schwarzer). Danach kam August Grünkorn und nach den Kriegsjahren Franz Schwontkowski (Linkersch Franz) und Willi Mandt. Das erste Stromhaus (Trafostation) stand am Ende der Bruchwiese bei Zutts Richard (Konerods) hinterm Haus.

Welcher unserer damaligen Handwerksbetriebe brauchte den ersten Strom?

  • Heinrich Groß (Biemersch) – Schreinerei
  • Fritz Groß (Biemersch) – Motorradwerkstatt bei Vetter und nachher bei Franz Schmitter in Hampetersch Haus
  • Karl Dross – Wagner
  • Karl Leidolf (Schmidtkolles) – Schmied
  • Albert Zutt – Sattler u. Polsterer
  • Karl Droß – Metzger Nachfolger: Grün-Bissenberg, Lehmann-Wetzlar, Ströhmann Heinz
  • Karl Schäfer – Sägewerk   
  • Tongrube Landwehr – Verladestation beim Hundeverein
  • Tongrube Saturn – Verladestation beim Sägewerk
  • Weber Wilhelm (Liese) – Küfer, Fassmacher bei Liese Heinrich im Haus
  • Dreschhalle – mit der Dreschmaschine

Angeblich soll unser erster Stromlieferant die Mühle in Edingen gewesen sein (Die Amendsmehl). Das Stromnetz befand sich zu dieser Zeit noch in der Hand der Gemeinde. Die EAM wurde erst 1929 gegründet. Erst Anfang der fünfziger Jahre wurde das gemeindeeigene Netz an die EAM übergeben.

Wie wir gesehen haben, holten sich die Holzhäuser Einwohner mit Begeisterung die Neuerung des elektrischen Stroms ins Haus, um sie sich zunutze zu machen. Betrachten wir nun andererseits "die Kehrseite der Medaille". Es bestätigt sich die Erfahrung, dass fast jeder Fortschritt, jede Innovation mit einer Kostensteigerung verbunden ist. Mit der Stromversorgung kamen auf die Haushalte derart hohe neue Belastungen zu, dass bezweifelt werden kann, ob sie anfangs von allen richtig eingeschätzt worden sind. Im Gegensatz zum Ortsleitungsnetz und den Hausanschlüssen waren die Hausinstallationen Sache der einzelnen Verbraucher. Auch die Folgekosten waren erheblich. Die für die Straßen- und Hausbeleuchtung erforderlichen "Glühlampen" von Osram kosteten 0,50, 1,60 oder 2,- DM. Ihre Lebensdauer war begrenzt. Die Dorfelektriker musste die Birnen der Straßenbeleuchtung mehrmals jährlich auswechseln. Die Strompreise waren 1920 nach der Tageszeit gestaffelt. Eine Kilowattstunde kostete abends von 19-24 Uhr (ab Oktober von 17 Uhr an) 45 Pfennige, sonst 20 Pfennige. Hinzu kam die Zählermiete von monatlich 60 Pfennigen. Gewerbetreibende konnten aber Sondertarifverträge abschließen.

Die Stromkosten der Gemeinde beliefen sich auf ca. 250 bis 300 Mark für Straßen- und Schulbeleuchtung. Erst im Vergleich mit dem allgemeinen Preisgefüge wird die Schwere der genannten Kostenlasten deutlicher erkennbar. Beispielhaft für die Höhe der Einkommen von Angestellten oder Beamten ist die Besoldung des Ortsvorstehers, die das Gemeindesäckel 1911 mit monatlich rd. 200 Mark belastete. Der ortsübliche Tagelohn eines Mannes (über 16 Jahre) betrug 1908 - 2,50 Mark. Bedenken wir, dass ein Brötchen 3, eine Brezel 5 Pfennige kosteten, so musste für eine Kilowattstunde abendlicher Beleuchtung der Gegenwert von 9 Brezeln oder 15 Brötchen bezahlt werden! Dies wären heute 4,50 Euro.

Am 1. März 1924 strahlte der Mitteldeutsche Rundfunk, Sender Leipzig, seine erste Sendung aus. Der große Durchbruch des Radios kam in den Dreißiger Jahren, als man endlich alle Teile in einem Gehäuse unterbrachte und die Geräte finanziell allgemein erschwinglich wurden. Die monatlich zur entrichtende Rundfunkgebühr lag bei zwei Mark.

1951 stellte eine Düsseldorfer Maschinenfabrik auf der Bauausstellung "Constructa" in Hannover die erste vollautomatische Waschmaschine vor. Die Fertigungszahlen beliefen sich anfangs gerade mal auf 300 Stück im Jahr. Noch Anfang der 60er Jahre lag der Preis bei stolzen 2.300.- DM. In den sechziger Jahren kam dann das Fernsehen. Die ersten Computer hielten Ende der siebziger Einzug in den Firmen. Vor 20 Jahren brachte Motorola das erste Handy heraus. Es wog ein Kilogramm und kostete 4000 Dollar. Ganz in Gedanken versunken bemerke ich plötzlich, dass das Licht über meinem Schreibtisch wieder angeht und die Anzeige in meinem Telefon wieder leuchtet.

Welche wahnsinnige Entwicklung haben wir denn in den letzten Jahren erlebt und ich frage mich wie wird das weiter gehen?

Alfred Hardt, im Februar 2009

Ich danke meinen Informanten Otto Rumpf, Walter Haas, Günter Grünkorn, Erna Schaus und dem Internet.

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