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Unser dörfliches Leben in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts.

Gefunden und aufgeschrieben von Heinrich Jung, bearbeitet und veröffentlicht von Joachim Kohl

Anlässlich unseres Sängerjubiläums im Jahre 1953 hatte ich Gelegenheit, aus der Geschichte unseres Heimatdorfes von den Anfängen bis zur Neuzeit zu berichten. Gestatten sie mir, dass ich an dieser Stelle über einen kleineren Zeitraum, die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts erzähle. Wir erkennen daraus, in welchem Maße sich das Leben in unserem kleinen Dörfchen gewandelt hat. Es war, wie wir heute sagen, die gute, alte Zeit. Das Leben unserer Vorväter verlief in genau festgelegten und von dem Tagwächter oder Spiesmann überwachten Bahnen. Bereits um vier Uhr morgens läuteten die Glocken eine Viertelstunde lang den Tag ein. Der Spiesmann hatte darauf zu achten dass auch alle Einwohner um diese Zeit ihr Tagewerk begannen. Langschläfer wurden von ihm angezeigt und bestraft. Um 11 Uhr läutete es zu Mittag, und vor 1 Uhr durfte niemand die Feldmark betreten. Wer schon um 4 Uhr aus den Federn musste, war gewiss abends müde, deshalb läuteten bereits um 9 Uhr die Glocken, zum Zeichen dafür, dass nun alle die Straßen und das Wirtshaus zu verlassen und sich zur Ruhe zu begeben hatten. Übertretungen wurden mit 15 Silbergroschen bestraft; und damit der Tagwächter auch gehörig seines Amtes waltete, erhielt er die Hälfte davon als sogenannten „Denunzianten Anteil.“ Bezweifeln möchte man aber doch, ob diese strengen Vorschriften auch wirklich eingehalten wurden. Zum Schutze gegen umherstreunendes Gesindel, das der Tagwächter sofort einzusperren hatte, war unser Dorf mit dem "Dorffried“ umgeben. Es war eine lebende Hecke, die an schwachen Stellen durch Weidengeflecht verstärkt wurde. Es durfte außer den allgemeinen Öffnungen keine Lücken aufweisen. Besonderes Augenmerk hatte der Spiesmann auf die Feuerverhütung zu richten. Es durfte zum Beispiel kein Holz auf dem Ofen getrocknet werden, und das Rauchen war sogar auf Hof und Straße verboten. Wer ertappt wurde, musste zur Strafe einen ledernen Feuereimer kaufen. Diese nach unserer Meinung übertriebene Vorsicht war wirklich notwendig, denn fast alle Häuser waren noch mit Stroh gedeckt, und ein Brand drohte das ganze Dorf zu vernichten. Erst 1824 erließ die Regierung ein Verbot, wonach neue Häuser nicht mehr mit Stroh gedeckt werden durften. Innerhalb der Dorfgemeinschaft hatte jeder seinen bestimmten Platz. Maßgebend dafür war der Besitz des Familienoberhauptes. Man unterschied zwischen Ganzteilern, Halbteilern und den ärmsten, den Beisassen. Nach einer Statistik aus dem Jahre 1840 hatte unser Dorf 42 Ganzteiler, 21 Halbteiler und 19 Beisassen. Diese 3 Klassen hatten auch bei den Wahlen zum Gemeinderat Bedeutung, denn die Stimme des Ganzteilers gilt wesentlich mehr, als die Stimme des Halbteilers oder gar des Beisassen. Auch die anderen Rechte, z.B. wieviel Stück Vieh man zur Weide treiben durfte, richteten sich nach dem Stand Gemeindegliedes.

Aber ein Recht galt für alle gleichermaßen, das Heimatrecht. Es hatte jeder, der in Holzhausen geboren war. Es bedeutete dass er in Zeiten persönlicher Not von der Gemeinde unterhalten werden musste. Eine böse Überraschung erlebte unsere Gemeinde mit einem hier geborenen Mann, (er war Maulwurfsfänger) der in jungen Jahren in die Fremde gezogen war und im Jahre 1831 verarmt, aber mit Frau und 6 Kindern zurückkehrte. Er pochte auf sein Heimatrecht und musste von der Ge-meinde unterstützt werden. Wir können verstehen, dass es für einen Fremden, z.B. bei einer Heirat sehr schwierig war, das Heimatrecht zu erwerben. Er musste nachweisen, dass er so viel Besitz hatte, dass er niemals der Gemeinde zur Last fallen würde.  Fast unmöglich aber war es, von Rodenroth nach Holzhausen zu heiraten, denn Rodenroth war nassauisches Gebiet, also Ausland. Wir waren also Grenzland, und wie es auch heute noch an den Grenzen üblich ist, wurde geschmuggelt. Mann brachte das im Nassauischen wesentlich billigere Salz über die grüne Grenze und verbesserte dadurch den an sich sehr kärglichen Lebensstandard. Etliche Mahn- und Drohbriefe der Salzmeister des Fürsten zu Braunfels beweisen diese Tatsache. Der Lebensunterhalt der Bevölkerung konnte nur aus der Landwirtschaft gewonnen werden. Schlechte Ernten brachten mit Sicherheit das Schreckgespenst des Hungers im darauf folgenden Winter. Oftmals war das für das kommende Jahr gedachte Saatgut mit aufgegessen worden. Die Gemeinde, die selbst arm wie eine Kirchenmaus war, musste dann ein Darlehen beim Fürsten aufnehmen, um Saatgut für seine Bürger kaufen zu können.

Sehr schwer lasteten auf unseren Vorfahren die Frondienste für den Landesherrn und die zu leistenden Abgaben. Ein Gesamtverzeichnis aus dem Jahre 1800 enthält 19 .Einzelpunkte. Wir finden darin das Mai- und das Herbstbrot, das Ständegeld, das Quartiergeld und das Manngeld. Letzteres war eine Personensteuer und bei der damals herrschenden Armut ein schweres Opfer. Selbstverständlich musste von al-len Erzeugnissen der Zehnte abgegeben werden. Nebenbei forderte man noch von jeder Feuerstelle ein Huhn und Hahn, für ein Paar Ochsen 6 Gulden, für ein Paar Kühe 4 Gulden und für ein Pferd 4 Gulden jährli-cher Abgabe. Außerdem Waren zusätzliche Abgaben vom Hafer zu leisten. Schlimmer mag noch gewesen sein, dass auf dem Herrenhof El-gershausen alle anfallenden Feldarbeiten im Frondienst, d. h. unentgeltlich ausgeführt werden mussten. Zuerst kam die Arbeit auf dem Herrenhof, dann der eigne Bauernstand. Dieses wurde jedoch anders, als Freiherr vom Stein im Jahre 1810 durch seine Reformen den Bauern die Freiheit gab. Danach ging es etwas besser.

1825 hatte Holzhausen 68 Familien mit 375 Einwohnern. An Vieh waren 4 Pferde, 39 Zugochsen, 38 Zugkühe, 50 Milchkühe, 20 Stück Jungvieh, 240 Schafe, 108 Schweine und 26 Zuchtstiere vorhanden. Zum Vergleich seien einmal die heutigen Zahlen danebengestellt. Wir haben heute 13 Pferde, 41 Stück Jungvieh, 45 Milchkühe, 88 Zugkühe, 63 Schweine, 1Schaf, 39 Ziegen und 1445 Hühner. Hier sind wirklich interessante Vergleichsmöglichkeiten gegeben.

Die vorhin schon erwähnte Armut zwang viele Einwohner unseres Dorfes zur Auswanderung nach Amerika. Öfters berichten unsere Gemeindeakten, dass die Gemeinde den Kaufschilling übernahm. Wenn der Auswanderer sein Besitztum versteigerte und der Kaufpreis von den Käufern nicht sofort bezahlt werden konnte, so zahlte sie dem Auswanderer, der ja sein Geld mitnehmen wollte, den gesamten Betrag und ließ ihn sich von den Käufern wieder in Raten zurückzahlen. Ein sehr tragisches Schicksal erlitt der Auswanderer Peter Muck mit seiner Familie. Im November 1854 wagte er mit seiner Frau und 5 Kindern, der 19 jährigen Margaretha, dem17 jährigen Peter dem 15 jährigen Johann, der 7 jährigen Katarina und der erst 5 Jahre alte Christine, die Überfahrt nach Amerika. Aber das Schiff versank in einem Sturm in den Fluten des Ozeans. Von der Familie wurde nur die 19 jährige Margaretha wie durch ein Wunder gerettet. Sie kehrte nach Holzhausen zurück und wird gewiss noch älteren Einwohnern in Erinnerung sein.

Die Auswanderung war eine Möglichkeit, der Not in der Heimat zu entgehen. Aber auch die Zurückbleibenden lehnten sich gegen ihr Schicksal auf. Anfang des Jahres 1848 kam es, wie überall in Deutschland, zum öffentlichen Aufruhr gegen den Landesherren Auch Holzhäuser Bürger zogen mit Sensen, Dreschflegeln und alten Vorderladern bewaffnet zum Braunfelser Schloß. Wie wir wissen, wurde der Aufstand niedergeschlagen und die Anführer bestraft. So musste auch ein Mann aus unserem Dorf seinen Wagemut für das Wohl der Allgemeinheit mit einem Jahr Zuchthaus büßen. Das Opfer war jedoch nicht um-sonst gewesen, denn ein Jahr später hörten alle Abgaben an den Fürsten zu Braunfels auf, und übrig blieben nur noch die an die königliche Regierung zu entrichtenden, nicht allzu hohen Steuern. Mit der zuletzt genannten, erfreulichen Begebenheit möchte ich für dieses Mal enden. Vielleicht bietet sich noch einmal Gelegenheit, aus der Geschichte unseres Heimatdorfes zu berichten.


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