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"De Ammi kimmt"

Die Besatzungszeit in Holzhausen

Am 27. März 1945 kamen die US-Truppen der 99. Infanteriedivision von Rodenroth her in unser Dorf. Man hatte die Amerikaner eigentlich schon am Morgen erwartet, diese zogen allerdings erst nach Beilstein und über den Ulmer Berg Richtung Ulm-Allendorf. Erst am Nachmittag zogen die amerikanischen Soldaten in unser Dorf ein. Durch das Abhören der Alliierten Radiosender war die Bevölkerung vorgewarnt. Dies musste natürlich heimlich geschehen, denn das Hören „feindlicher Sender“ war unter Strafe verboten. Kontrolliert wurde dies von dem Gendarm Kanis und dem Dorfschullehrer Rücker.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Ruf: „De Ami kimmt“! durch unser Heimatörtchen hallte als dann die Besatzungstruppen sich unserem Dorf näherten. Viele versteckten sich in den Bunkern bei der „Heuerwiss“ und in der „Bergwiss“. Einen Tag zuvor versteckten sich einige Dorfbewohner im Bereich der Tongrube Landwehr. Diese kamen aber am selben Tag wieder zurück. Als dann am Nachmittag des 27. März die ersten Truppenteile ins Dorf einrückten, begrüßte ein Dorfbewohner, Karl Schäfer (Stinnese Karl), die herannahenden Amerikaner mit dem Ausruf: „Jetz greje mer amerikonische Schpeck“.

Sherman Panzer

Ein Panzer stand unterhalb des jetzigen Friedhofs und beschoss die bei der Dreschhalle stehenden Gerätschaften deutscher Einheiten (zwei ausgebrannte Panzerfahrzeuge und einen verlassenen Werkstattwagen). Auch ein Tiefflieger warf eine Bombe auf dieses Ziel, verfehlte es aber. Nach dem geringen Beschuss rückte der Panzer Richtung Katzenfurt ab.

Zunächst lagerten große Truppenteile auf der „Viehweide“ (jetzige Fabrik von Klaus Droß). Nach der Besetzung des ganzen Dorfes quartierten sich die Soldaten bei Knetsche ein.  Im Saal entstand die Verwaltungsstelle der Besatzungstruppen (Schreibstube, militärische Verwaltungs- und Befehlszentrale).

Holzhäuser Bürger mit deutschen Soldaten die im Saal der Gastwirtschaft Knetsch stationiert waren.

Vor den US Truppen war im Saal der Gastwirtschaft Knetsch von Ende 1944 bis März 1945 eine Funk- und Nachrichtenstation der Wehrmacht eingerichtet. Material und Logistik waren in der Dreschhalle untergebracht. Die später in Holzhausen lebenden Edmund Witkowski und Franz Schwontkowski waren bei dieser Einheit Soldaten. Der Rückzug der deutschen Einheiten begann am 26.03.1945 und war zum Morgen des 28.03.1945 größtenteils abgeschlossen.

Weitere Truppenteile der Amerikaner lagerten später im und um den Dreschschuppen. Auch in Privathaushalten z. B. bei Kochs und Webers fanden Einquartierungen statt. Meist waren diese Einquartierungen nicht von langer Dauer. Der größte Teil der US Truppen war auf dem Gelände der Klinik Waldhof stationiert.

Der Bevölkerung wurde mitgeteilt, dass alle Waffen abzugeben wären. Dies geschah durch Ausschellen von Ortsdiener Karl Schäfer, der auch alle weiteren Anordnungen des US Kommandeurs bekannt gab. Dies war auch nach Beendigung der Besatzung sehr lange die Methode um amtliche Nachrichten der Bevölkerung mitzuteilen. Auch fanden Hausdurchsuchungen, hauptsächlich  nach Waffen, statt, die allerdings nicht sehr gründlich waren.

Der damalige Bürgermeister Karl Zissler wurde abgesetzt und Heinrich Droß als Übergangsbürgermeister bestimmt. Nach Droß wurde ein Herr Nies aus Frankfurt von der US-Besatzungsmacht als Bürgermeister eingesetzt. Im Haus der Familie Droß in der Brühlbach, heute Katzenfurter Straße, wurde anfänglich die Registratur eingerichtet. Aus Mangel an Papier wurden vorübergehend die Etiketten von Weinflaschen mit den Personendaten versehen und als vorläufige  Ausweise ausgegeben. Später war die Amtsstube in „Messerschmidts Haus“ in der Ulmtalstraße. Heutiger Besitzer ist Siegmar Droß. Es herrschte allgemeine Ausgangssperre bei Anbruch der Dunkelheit. Eine genauere Überprüfung der Personen ab Jahrgang 1929 fand nicht statt. Die männlichen Einwohner der Jahrgänge davor wurden für eine Nacht nach Weilburg gebracht und genauer überprüft. Danach kehrten sie wieder nach Holzhausen zurück.

Der Schulbetrieb war zunächst eingestellt, begann aber im August 1945 wieder für die Schule in Holzhausen. Die Schüler mussten sich in dieser Zeit auf viele verschiedene Lehrer einstellen. Für die Schüler, die auf das Gymnasium in Weilburg gingen, veränderte sich schon während des Krieges die Regelmä-ßigkeit des Schulbesuches. Im Herbst 1944 wurde der Unterricht nach Biskirchen verlegt, da die Bahnstrecke nach Weilburg durch Tieffliegerangriffe zu unsicher geworden war. Dann mussten die Gymnasiasten sogar wieder die Schule in Holzhausen besuchen. Nach Beendigung des Krieges ging es recht zügig wieder in die Schule nach Weilburg. Die Eltern der Schüler organisierten die Fahrmöglichkeit durch den Omnibusbetrieb Karl Schmidt aus Beilstein. Als die Bahnstrecke wieder frei war, fuhren die Schüler wieder mit dem Zug nach Weilburg.

Auch war das tägliche Leben vor der Besatzung nicht ungefährlich. Die Feldarbeit musste am frühen Morgen (04.00 Uhr) getätigt werden, weil tagsüber viele Tiefflieger über unsere Gemarkung hinwegdonnerten und auf alles schossen, was sich bewegte.  Am 09. Dez. 44 erfolge ein Bombenangriff auf die Tongrube Landwehr. Die Seilbahnanlage und Förderanlage wurden dabei schwer beschädigt.

Am 24.Dez. 1944 stürzte im Bereich der Klinik Elgershausen ein Amerikanischer Bomber ab. Die sieben Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Zeitweise bewachten Volkssturmmänner aus Holzhausen das Wrack.

Bomber B 26
Absturz einer B 26, ähnlich wie auf dem Geländer der Klinik Waldhof 1944.

Die Eisenbahnstrecke der Ulmtalbahn war bei Allendorf durch einen zerstörten Zug (Tieffliegerangriff) blockiert. Der Lockführer, Herr Wiederstein und der Heizer Herr Kröckel, wurden bei diesem Angriff verletzt. Die Strecke war erst gegen Ende 1945 wieder frei.

Vertrauenspersonen wurden von den Besatzern mit dem Tragen einer weißen Armbinde gekennzeichnet. Seine Englischkenntnisse brachte Dieter Jung den Job des Übersetzers ein. Er musste zu verschiedenen Gelegenheiten (Brauerei besuche) dolmetschen.  

Der Treffpunkt der Jugendlichen vor und während des Krieges bei Hormels Christian wurde von den US-Soldaten als solcher übernommen.

Der Lohn der Arbeiter wurde weiterhin in Reichsmark ausgezahlt, aber faktisch war das Geld wertlos. Man konnte kaum etwas davon kaufen und wenn, war es sündhaft teuer. Der Stundenlohn für einen einfachen Arbeiter lag unter einer Reichsmark. Der Tausch- und Schwarzhandel blühte. Zwischen den Besatzern und der hiesigen Bevölkerung entwickelte sich ein reger Tauschhandel.

Natürlich requirierten die US Soldaten auch Gebrauchsgegenstände. In der „Bergwiss“ zum Beispiel mussten ein paar verdächtige Gänse von den Besatzern in Haft genommen werden. Man sah diese nie wieder.

Teile der männlichen Bevölkerung, hauptsächlich ehemalige Soldaten wurden zu arbeitsdienstlichen Leistungen für die Besatzungstruppen herangezogen. Sie bekamen ihre Lebensmittelkarten erst nach Ableistung der Arbeitseinsätze.

Je länger die Besatzungszeit dauerte, umso freundlicher war der Umgang miteinander. Trotz aller Freundlichkeit verhielten sich die US-Soldaten sehr diszipliniert. Sie wurden auch streng durch ihre Vorgesetzen beaufsichtigt. Alles in allem verlief die Besetzung Holzhausens friedvoll und ohne nennenswerte Schwierigkeiten.

In Ulm gab es bei der Besetzung am 27.03.45 einen Toten. Herr Friedrich Arabin wurde erschossen und 3 Tage später im Feld gefunden. Er war auf dem Weg zu seiner Tochter Klara in Daubhausen.

Die Zwangsarbeiter, die nach dem Kriege in Freiheit kamen, zogen in Gruppen durch die Lande und raubten und plünderten vielerorts. Der Pitzmüller von Biskirchen wurde von diesen marodierenden Gruppen erschossen. Schutz durch die US Truppen gab es nicht. Man half sich so gut es ging selbst.

Bei Annähern der US-Soldaten wurde leider unsere Dorfchronik und weitere schriftliche Unterlagen von Gemeindemitglieder im Backhaus in der Ulmtalstraße verbrannt. In vielen Orten geschah das Gleiche.

Von da aus ging es Richtung Wetzlar wo die amerikanischen Truppen auf reguläre Truppenteile der 12. dt. Volksgrenadierdivision unter dem Oberkommando von General König trafen.

Die Kampfhandlungen auf dem Gebiet des heutigen Hessen waren am 10. April 1945 beendet. Damit endete der Krieg in Hessen etwa ein Monat vor der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches und der Verkündung des Waffenstillstands am 8.Mai 1945.

Zum 8. Mai 1945, also zum Zeitpunkt der Kapitulation, gab es in Europa 3,1 Millionen amerikanische Soldaten. Davon waren etwas mehr als die Hälfte, also ca. 1,6 Millionen, in Deutschland stationiert.

William T. Sherman

Zum Schluss meiner Ausführungen möchte ich ihnen ein Zitat des amerikanischen Bürgerkriegsgeneral William T. Sherman vorlesen. Er sprach zu Soldaten der US-Armee 1880 folgendes:
„Es sind heute viele junge Männer hier, die im Krieg nur den Ruhm sehen, aber Männer, es ist die Hölle. Ihr könnt diese warnenden Worte in die kommenden Generationen tragen. Ich schaue mit Schrecken auf den Krieg.“

Der Bericht erfolgte nach Erzählungen von Zeitzeugen aus Holzhausen. Aufgeschrieben und veröffentlicht von Joachim Kohl

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