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Das Jahr 1950

Vorwort zur Chronik

Reinhard Würz

Du wirst Dich vielleicht wundern, lieber Leser, dass diese Chronik erst mit den Jahre 1950 beginnt, zumal die Entstehung unseres Dorfes bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht.

Aus ältester Zeit haben wir nur sehr spärliche Aufzeichnungen, mit denen wir uns begnügen müssen. Über die letzten Jahrzehnte ist wohl eine Chronik geschrieben worden, die aber während der Umsturzzeit 1945 abhandengekommen ist.

So wollen wir im Festjahr 1950, womit die zweite Hälfte unseres leider nicht sehr gesegneten Jahrhunderts beginnt, dieses Buch aus der Taufe zu heben. Für die Gemeinde ist ein Festjahr, weil sie den recht kühnen Plan, in der schweren Nachkriegszeit ein neues großes Schulhaus zu bauen, in die Wirklichkeit umsetzten konnte.

Möge dieses Buch unserer Nachwelt ein ehrbares Andenken und ein Zeugnis der Arbeit und des Fleißes unserer Generation sein!
Bevor wir mit den Ereignissen der letzten Tage beginnen, möchte ich einen ganz kurzen Überblick über die Geschichte unseres Heimatdorfes geben.

Nach den spärlichen Nachrichten, die vorhanden sind, zu schließen, ist Holzhausen eines der ältesten Dörfer des Kreises Wetzlar. Es soll bereits im Lorscher Codex Erwähnung finden.
Aus dem 13. und14. Jahrhundert wissen wir nur, dass Rudolf von Garbenheim das Dorf an das Kloster Altenberg vermacht haben soll. Ebenso hat Holzhausen während dieser Jahr- hunderte auch dem Grafen von Solms-Königsberg zeiteilig gehört.

Zur Zeit der Raubkriege Ludwigs des XIV. machte unser Heimatort schwere Zeiten durch. So wissen wir z.B, dass 1673 die Franzosen hier hausten und viele Wohnhäuser nieder- brannten. Kurbrandenburgische, Sächsische, Lüneburgische und Lothringische Soldaten lagen zu dieser Zeit hier in Quartier.

Über die Ereignisse, die während des 18. Jahrhunderts Holzhausen bewegt haben, wissen wir leider gar nichts, weil keinerlei Aufzeichnungen aus dieser Zeit vorliegen. Die nächsten greifbaren Aufzeichnungen stammen schon aus 1801.

Es sind dies Kirchenrechnungen, aus denen hervorgeht, dass sich die Kirchengemeinde Holzhausen finanziell sehr gut stand. Die Haupteinnahmen dieser Zeit waren vermutlich die gut verzinsten Pachtgelder, die durch die Verpachtung einer größeren Wiesenparzelle am Steimel eingegangen sind. Wie die Kirchengemeinde in Besitz dieses Landes gekommen ist, geht aus diesen Dokumenten nicht hervor.

Im Jahre 1883 wurden 333 Mark für einen neuen Öl– und Kalkanstrich bezahlt. Im Laufe der Jahre wurden auch mehrmals Umgüsse der Glocke vorgenommen, deren Kosten ohne die geringste Hilfe der Bürgergemeinde durch die Kirchengemeinde bestritten wurden. Die Rechnungen beweisen uns, dass letztere sogar zahlreiche Lehrmittel für die Schule auf ihre Kosten angeschafft haben.

1896 musste die Kirche wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Die Ursache lag in der Lockerung des Glockenstuhls. Nach vielen Verhandlungen entschloss man sich zum Neubau des Turmes. Der Kreisbaumeister Witte übernahm das Projekt mit einem Kostenvoran- schlag von 6400 Mark. Die Ausführenden waren die Maurermeister Konrad Droß und Wilhelm Schweitzer II. Im Herbst 1897 begannen die Abbrucharbeiten. In den beiden nächsten Jahren entstand der neue Turm mit neuer Uhr und verbessertem Geläute.

Von den ersten Jahren des 20igsten Jahrhunderts Fehlen in der Kirchenchronik jegliche Aufzeichnungen. Eine der beiden Glocken wurde während des ersten Weltkrieges abge- geben. Dafür bekam die Gemeinde 1926 eine neue geliefert. Im des Jahres 1939 wurde aus kirchlichen und Diakoniemitteln ein Harmonium zum Preise von 344 RM beschafft. Im Mai 1942 wurde die große Glocke, die ein Gewicht von 560 kg hatte, für Heereszwecke ausge- baut. Leider ist diese bis heute nicht mehr auffindbar und eine neue konnte wohl nicht angeschaffte werden. So müssen wir uns augenblicklich mit einer Glocke Begnügen.

Nun  lieber Leser, hast Du einen kleinen Einblick in die Geschichte des Dorfes bekommen. Anschließend will ich etwas erzählen, wie es in Holzhausen augenblicklich aussieht.

Noch zuvor ein paar Worte über den Ortsnahmen "Holzhausen" Schon in alter Zeit wird uns von den Dörfern im Ulmental berichtet. Besonders erwähnt wird das "Alte Dorf" (Allendorf), das vorwiegend Steinhäuser besitzt und das Dorf mit den "Holzhäusern". Auf diese Weise kam der Name unseres Heimatdorfes erklärt werden.

Holzhausen ist im Ulmtal das letzte Dorf des Kreises Wetzlar. Im Westen grenzen die Ortschaften des Oberlahnkreises, im Norden die Dörfer des Dillkreises. Landschaftlich liegt es wunderschön. Entlang des Ulmbachs zieht sich das langestreckte Dörfchen zwischen den bewaldeten Bergrücken, den Vorläufern des Westerwaldes, dahin. Somit könnte man es fast als Westerwalddörfchen bezeichnen. Bis zur Kreisstadt Wetzlar sind es allerdings durchschnittlich 20 km. Diese Entlegenheit von der Kreisstadt wird allerdings durch günstige Verkehrsverhältnisse gemildert. Holzhausen selber liegt an der Verbindungs stelle zwischen Lahntal und Dilltal. Katzenfurt, das nächst gelegene Dorf an der Dillstraße, ist per Rad, per Motorrad oder im Auto leicht zu erreichen. Auf dieser Straße herrscht reger Auto– und Fuhrwerksverkehr. Im Orte selbst sind etliche Personenwägen und auch Lastwägen für wirtschaftliche Zwecke in Betrieb. Die Straße befindet sich in gutem Zustande und kam von Fahrzeugen aller Art befahren werden.

Ein großer Vorteil, besonders für die auswärts in Arbeit stehenden Einwohner, ist der, dass der Ort selbst Bahnstation hat. Die Kleinbahnstrecke Stockhausen Beilstein hat Holzhausen einen Bahnhof ermöglicht. Wegen der beiden Tongruben und des Säge- werkes ist eine Verladerampe erbaut worden. Zu der einen Tongrube führt ein Anschlussgleis. Diese Bahn ermöglicht dem Arbeiter planvolle Beförderung von und zur Arbeitsstelle, dem Reisenden den Anschluss an die Hauptstrecken. Diese schöne Errungenschaft ist noch gar nicht so alt. Im Oktober des Jahres 1914 wurde der Bau der Bahnlinie in Stockhausen begonnen. Erst 1921 war der Bau so weit gediehen, dass die Strecke bis Holzhausen in Betrieb genommen werden konnte. Den Rest bis Beilstein wurde in den nächsten 3 Jahren erbaut, so dass die Linie, wie sie heute besteht, 26 Jahre alt ist. Vor 1921 mussten die Arbeiter morgens, noch bei Dunkelheit, den damals noch recht beschwerlichen Weg bis Katzenfurt zu Fuß zurücklegen, um einen Zug der Dillstrecke zu erreichen.

An öffentlichen Gebäuden und Diensten besitzt Holzhausen ein Bürgermeisteramt, eine Zweiklassige Schule, Kirche und Friedhof, eine Poststelle und eine große geräumige Dreschhalle. Die Kirche ist Filialkirche des Kirchspiels Ulm. Ein Gendarmerieposten, der eine Zeit lang bestand, wurde wegen Unrentabilität wieder aufgehoben.

Alte Schule

Einige Flurnamen, die mir besonders interessant erschienen, sollen hier auch noch Erwähnung finden: Tiersbach, eine Flur entlang des Ulmbaches in der Nähe der Ulmer Grenze, auf der Hasen, Rehe und andere Tiere des Waldes zum Ulmbach schreiten, um dort zu trinken. Hundsrück, ein kleiner Hügel, auch in der Nähe der Ulmer Grenze, von dem erzählt wird, dass die Hunnen bis dahin gekommen sein sollen und dort den Rückzugsbefehl „Hunnen zurück“ erhalten haben sollen. Wahrscheinlich ist allerdings, dass nicht die Hunnen, sondern vielmehr die Schweden dort zum Umkehren angehalten wurden, da wir aus dem dreißigjährigen Krieg in unserer Heimat mehrere Dokumente finden. Hellsdorf, ein Flurstück in der Nähe der Tongruben, das zur Hälfte bereits der Gemeinde Rodenroth gehört. Dort soll früher ein Dorf gestanden haben, das durch die Pest vollkommen ausgestorben ist. Die Gemeinde Rodenroth hat später die Hälfte dieser Flur gegen eine fette Kuh an Holzhausen eingetauscht. Lichtenstein, heute nur noch spärliche Gräben und Mauerreste, einstmals eine Burg, die durch unterirdische Gänge mit Greifenstein in Verbindung stand. Dieses Waldstück befindet sich entlang des Ulmbaches am Dorfausgang, am Wege zur kleinen Wiege. Der Steimel, heute ein Flurstück oberhalb der Bahnlinie zwischen Ulm und Holzhausen, in der Nähe des Wasserbassins. Bei diesem alten "Steinmal" tagte das "Hohe Gericht des Ulmentales", dort wurde Recht gesprochen über Tod und Leben.

Nun lasst Euch einmal etwas über unser Völkchen berichten. Die einheimische Bevölkerung Holzhausens ist nassauischer Herkunft und spricht auch diese Mundart. Durch Jahrzehnte war das Bevölkerungsbild des Dorfes unverändert. Die Heiraten geschahen meist innerhalb des Dorfes oder mit den Nachbardörfern. Erst mit dem Bau der Eisenbahn, mit der Errichtung der Tongruben kamen einige Familien aus Westfalen, aus der Pfalz, eine sogar aus Italien nach Holzhausen. Die größte Veränderung erfuhr das Bevölkerungsbild im Jahre 1946, als die großen Massen der Heimatvertriebenen auch in Holzhausen an die Tür klopften. Die meisten dieser Menschen sind aus Karlsbad, Drahowitz, einige Familien aus dem Sudetischen Schlesien. Durch Heirat fanden auch fanden auch vereinzelte Ostpreußen, Pommern und Deutsche aus anderen Landesteilen in Holzhausen eine Wohnstätte. So ist auch in unserem kleinen Dörfchen ein buntes Gemisch verschiedenster Menschen entstanden.

Heute zählt der Ort etwas über 800 Einwohner. Etwa 80% sind Ortsansässige und 20% Neubürger. Die konfessionelle Schichtung sieht ähnlich aus. 80% gehören der evangelisch-reformierten Kirche an, und 20% sind römisch-katholisch.

Durch den plötzlichen Zuwachs war es gar nicht einfach, für alle Menschen eine Arbeitsstelle zu finden. Obwohl es auch hier noch eine Menge Arbeitslose gibt, kann man sagen, dass auch die Neubürger zum großen Teil in den Arbeitsprozess eingegliedert werden konnten. Die Beschäftigung der Männer in den einzelnen Industriezweigen gliedert sich wie folgt: 50% Landwirtschaft, 20% Metallindustrie, 15% Bergbau, 10% Optik, 5% Handwerk.

An freien Berufen und Geschäften kann Holzhausen folgende aufweisen: 1 Arzt, 1 Förster, 1 Imker, 2 Gastwirtshaften, 5 Lebensmittelgeschäfte, 1 Textilgeschäft, 1 Baugeschäft, 1 Holzhandlung, 1 Sägewerk und schließlich 2 Tongruben, die zwar selbst bereits auf Rodenrother Grund liegen, ihre Verwaltungsgebäude doch in Holzhausen. Auch wird der gewonnene Ton in Holzhausen verladen.

Auch etliche Handwerker hat Holzhausen hervorgebracht: 1 Metzger, 1 Bäcker, 1 Schreiner, 1 Polsterer und Sattler, 1 Wagner, 2 Anstreicher, 3 Schuhmacher, 1 Schneider, 2 Elektriker, 1 Autoschlosser und 1 Müller.

Die Kriege der letzten 100 Jahre haben in den Reihen unserer jungen Männer allerhand Lücken gerissen. So hat die Gemeinde in den 3 Kriegen der Jahre 1864, 1866, 1870/71 ca. 40 Mann verlassen. Aus dem Weltkrieg 1914/18 kehrten 14 Mann nicht in die Heimat zurück. Der letzte Weltkrieg 1939/45 forderte 16 Mann unseres Dorfes, zu deren Andenken eine schlichte Holztafel vor dem Kriegerdenkmal aufgestellt worden ist. Und mancher, von dem ich nichts weiß, und dessen Mahnmal irgendwo im Ausland steht, hat diesen furchtbaren Kriegen für seine Heimat sein Leben gelassen.

Als durch die Währungsreform am 20. Juni 1948 die Deutsch Mark wieder stabil wurde, begann die Gemeinde mit ihren Bauprojekten. 1949 wurde zum Beispiel das linke Ufer des Ulmbaches zwischen der Brücke bei Bäcker Vetter und der Brücke bei Kaufmann Droß durch eine Betonmauer Stabilisiert und dadurch verhindert, dass der Fahrweg überschwemmt wird und die Böschung nach und nach abbröckelt, wodurch der Verkehr gefährdet wurde.

Das größte Bauprojekt, das in den letzten Jahren in der Gemeinde aufgetreten ist, ist der neue Schulbau. Am 26. Juni begannen die Vorarbeiten mit der Planierung des Schulaufganges, mit der Kanallegung und mit der Versetzung und Neugestaltung der Kirchenmauer. Am 26. August des Jahres konnte bereits der Grundstein gelegt werden. Viel Mühe und unzählige Kleinarbeit des Bürgermeisters und seiner Mitarbeiter brachten diesen schwierigen Plan zur Verwirklichung. Durch den selbstlosen Einsatz sämtlicher Arbeiter gelang es, in genau 2 Monaten das stattliche Gebäude so weit fertigzustellen, dass es gerichtet werden konnte. So fand am 28. Oktober bei schon recht kaltem Wetter das Richtfest statt. In Vertretung des Herrn Landrates war Herr Regierungsamtmann Vollmerhaus  anwesend, der in wenigen Worten die geleistete Arbeit schön zu würdigen wusste und Herrn Bürgermeister Würz für seinen überaus wichtigen Beitrag zum Schulneubau dankte.

Trotz seiner überaus großen Beanspruchung der Bewohner während der Sommermonate durch Berufsarbeit und Landwirtschaft blühen in Holzhausen verschiedene traditionelle Kultureinrichtungen. Ein Gesangverein, zu ihrer eigenen Freude und Entspannung und zur Freude ihrer Mitbürger der Gemeinde zu dienen.

Um der Nachwelt das jetzige Leben in unserer Gemeinde in späteren vor Augen zu führen und um ihr bedeutende Begebenheiten in Erinnerung zu halten, habe ich mich entschlossen, eine Chronik zu führen. Die Eintragungen von der Entstehung unseres Dorfes gründen auf Überlieferungen Kirchlicher Eintragungen und Zeitungsausschnitten. Jedenfalls geht die Entstehung unseres Dorfes bis zum 12. Jahrhundert zurück.

Herr Lehrer Seidel, welcher die Eintragungen im Jahre 1950 dankbarer Weise übernahm, hat so gut wie möglich versucht, schriftlich festzuhalten, was auffindbar war und dem späteren Lehrer einen kleinen Einblick in die Entwicklung der Gemeinde zu geben.

Zum Jahre 1950 ist zu sagen, dass unter anderem der Neubau einer dreiklassigen Volksschule, die auf vier Klassen ausgedehnt werden kann, in Angriff genommen wurde, mit einem Kostenvoranschlag von ca. 130 000 DM. Die Urkunde der Grundsteinlegung wurde im Sockel des Hauptgebäudes vorn an der linken Ecke eingemauert. Die Fertigstellung soll, bei Aufbringung der finanziellen Mittel, im Jahre 1951 erfolgen.

Rohbau der neuen Schule mit den Arbeiter

Weitere Maßnahmen größeren Umfanges mussten aus diesem Grunde zurückgestellt werden. Der im Dorf bestehende Gesangverein beging sein 65 jähriges, der Turn-und Sportverein sein 25-jähriges Jubiläum.

Fünf Jahre sind erst seit Kriegsende vergangen, noch ist kein Friede mit unserem Lande abgeschlossen, ziehen schon wieder dunkle Wolken eines Krieges am politischen Horizont auf. Aus diesem Grund setzte Ende des Jahres 1950 eine kleine Teuerung ein, das Geld wurde knapp und wie immer ist die minderbemittelte Bevölkerung der Leidtragende. Hoffentlich ist unserem Lande ein baldiger Friede beschert, nach dem sich alle sehnen.

Für die Anschaffung einer neuen Glocke, als Ersatz für die im letzten Kriege abgelieferte, wurde eine Sammlung in die Wege geleitet.

An alle späteren Chronikführer ergeht hiermit die Bitte, dieses Werk so zu pflegen und zu führen, dass es eine lange Lebensdauer hat, und der Nachwelt noch nach Jahrhunderten in das Wesen und Leben unseres Dorfes Einblick gibt.

Holzhausen, im Jahre 1950, Reinhard Würz, Bürgermeister

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